Erik Bulatov

O

Erik Bulatov ist ein Maler im klassischen Sinn, bei dem das Denken um die Komposition eines Bildes geht. Für ihn ist das Bild ein Modell unseres Universums. Beim Malen wird das ihn umgebende Chaos in eine Struktur gefasst. Bulatov ist einer der wenigen Maler, die noch die Tradition einer philosophischen Kunst vertreten. Die Grundlage des Teppichs «O» ist eine Zeichnung, mit der Bulatov die endgültige Konzentration der malerischen Mittel anstrebte. Wie aber kann eine derart subtile Ausdrucksform in einen Teppich verwandelt werden, der nur aus zwei Farben besteht und wo die raffinierten Nuancen einer ziselierten Farbstiftzeichnung mit dem Herstellungsprozess unweigerlich geopfert wurden? Die Antwort liegt in Bulatovs malerischer Prämisse, wonach der Sinn eines Bildes in seiner Oberfläche gründet. Diese Fläche wird für den Betrachter zu Raum, wenn sich die Bildfläche erhöht und sich ihm nähert, oder wenn sie sich von ihm entfernt und dadurch als tieferliegender Raum wahrgenommen wird. So stellt sich «O» in der Teppichform als übersteigerter Ausdruck malerischer Prinzipien dar: das reliefartige Vor- und Rücksetzen der Kreisflächen, der konstruktive (oder konstruktivistische und damit absolute) Umgang mit der Farbfläche und schliesslich die plastische Umsetzung des Lautes O. Bulatov nimmt den im Russischen wohlklingend dehnbaren Laut O als einen Horizont wahr und führt ihn zum absoluten Zentralpunkt, der Kreisform, hin.

Der 1933 in Swerdlowsk geborene Erik Bulatov gehörte als prominentes Mitglied bereits in den 1970er Jahren zum Kreis der avantgardistischen Moskauer Konzeptionalisten, die heute als Moskauer Schule bekannt ist und die in Opposition zum offiziellen Diktat des Sowjetischen Realismus stand. 1991 emigrierte Bulatov nach Paris, wo er heute noch lebt. Seine Werke wurden in allen grossen Ausstellungen zur russischen Kunst des 20. Jahrhunderts gezeigt: «RUSSIA!», Guggenheim Museum in New York (2005) und Bilbao (2006); «Berlin-Moscow / Moscow-Berlin 1950–2000», Tretjakow-Galerie, Moskau (2003), und Martin-Gropius-Bau, Berlin (2004); «Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit», Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main (2003). Gewürdigt wurde er zudem auf der 43. Biennale in Venedig (1988) und der 3. Moskau-Biennale (2009). Einzelausstellungen hatte Bulatov unter anderem in der Tretjakow-Galerie in Moskau (2003 und 2006), der Kestnergesellschaft Hannover (2006), im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (2007), im Musée d’art moderne et contemporain (mamco) in Genf (2009/2010) und im Nouveau Musée National de Monaco (2013). 2008 wurde er zum Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Künste ernannt.

 


Artist: Erik Bulatov
Title: O
Material: Wool, Flax, Silk
Colors: White, Black
Size: W 200 x L 200 cm
Edition: 8 + 2 AP